06/07/2017
Wie ich MEINEN ZAHNARZT fand, Herrn Dimitrij Dubinskij
Von Caroline
Ich habe so viel durchgemacht mit Zahnärzten, ehe ich Dimitrij Dubinskij fand.
Ich ging zu einem Zahnarzt im teuren Zentrum Berlins, der so stolz auf seine neue Lupenbrille war und sie am lebenden Objekt testen wollte, dass er mir vier Zähne komplett aufbohrte und dann sagte, mit 10.000 Euro könne er sie wieder hübsch zumachen. Ich beklagte mich mit Nachdruck über den Verlust, die Praxisgemeinschaft warf ihn hinaus, er zog ins Ausland. Wahrscheinlich war ich kein Einzelfall. Meine Zähne wurden davon aber auch nicht wieder ganz. Der Schaden war da.
Wegen einem dieser aufgebohrten Backenzähne machte ich einen Termin bei einer Zahnärztin nahe meines Verlages in der City, die mit zittrigen Händen und ohne Röntgenbild für eine komplette Wurzelbehandlung nur zehn Minuten brauchte. Wenn etwas sei, solle ich bitte nicht wiederkommen. Ging nach hinten los, inklusive starker Schmerzen und Entzündungen. Drei Wurzelkanäle waren gar nicht aufbereitet worden. Wochenlang lebte ich von Schmerztabletten.
Ein anderer Zahnarzt mit zentraler Adresse stand kurz vor der Pension. Wahrscheinlich hatte er im Kopf schon abgeschlossen mit seinem Beruf, denn er ging alle fünf Minuten während der Behandlung auf den Balkon, um zu rauchen. Dann pustete er mir seinen Nikotin-Atem ins Gesicht und offenbarte seine wahre Berufung: x-fach drängte er mich dazu, bei seinem Vertreter-Freund endlich eine Zahnzusatzversicherung abzuschließen. Er war so stark abhängig von den Zi******en und wer weiß was noch, dass ihm seine Werkzeuge ständig aus der Hand fielen. Die Krone, die er mir schief aufsetzte über einen der früher angebohrten Zähne, verrückte mein ganzes Gebiss. Es brauchte Monate, um die Sache zu korrigieren. Das war die Reise, meine Zahnarzt-Odyssee, die aus einer robusten Amazone eine hypersensible Angstpatientin gemacht hatte.
Doch dann, endlich, jetzt mit 35, habe ich MEINEN ZAHNARZT gefunden: Dimitrij Dubinskij. Ein breitschultriger Russe mit dichtem Haar, liebenswürdigem Akzent und der Bereitschaft, Menschen in schierer Todesangst vorm Zahnarzt mit einem verbindlichen Lächeln und einem langen persönlichen Gespräch zu besänftigen. Ja, ich bin Angstpatientin, hypersensibilisiert, und ich beobachte ihn daher genau. Das bringt Angst so mit sich: die totale Gegenwart, das Leben im Augenblick. Und was sehe ich vom Zahnarztstuhl aus? Die Würde, mit der er einen Bohrer aus der Maschine hebt und – wie ein Speerwerfer – in das finstere Herz der Zahntragödie lanciert. Ruhig, scharfer Blick. Der Ernst, mit dem er eine Handzahnbürste samt 5460 ultrafeiner Borsten überreicht, als sei sie eine Medaille in einer olympischen Disziplin namens Mundhygiene. Der Buddha-ähnliche Frieden, mit dem er Geschichten vom unerträglichen Schmerz der Zähne lauscht, der tückisch wie tausend Nadeln im unteren hinteren Kieferbereich sticht. Und er lauscht und lauscht und nickt und weiß, was zu tun ist. Das ist Herr Dubinskij, MEIN ZAHNARZT. Dentist aus Leidenschaft, davon bin ich überzeugt.
Er erzählte mir mal, dass er sich nach Dienstschluss und auch im Urlaub gerne mit 1000-seitigen Büchern entspannt, die vor neuesten Zahnforschungen aus aller Welt nur so strotzen. Manchmal wenn er nicht einschlafen kann, liest ihm seine Frau Geschichten aus der Zahnheilkunde vor, hat er mir mal berichtet.
Ich nehme an, dass er an Wochenenden zusätzlich Methoden zur kurzen und effektiven Handhabung von mörderisch wirkenden Werkzeugen im Oralbereich an Patientenpuppen übt, um seinen lebenden Patienten so viel Übel wie möglich zu ersparen. Der Drill nach Feierabend lässt im Behandlungszimmer das Komplizierte höchst einfach aussehen. ‚War doch ein Kinderspiel!’ Mit diesem Fazit verlasse ich tatenhungrig, neu belebt und tiefenentspannt seine Praxis. Immer wieder.
Ich fühle mich bei Dubinskij aufgehoben. Er nimmt sich so viel Zeit für mich. Manchmal dauert das persönliche Gespräch länger als die Behandlung selbst. Ich bin so sehr auf einer Wellenlänge mit ihm, weil wir uns über Literatur, Kunst und Kultur und so weiter austauschen, dass ich manchmal sogar den Grund meines Besuches vergesse: den hämmernden Zahnschmerz. Manchmal plaudern wir eine ganze Stunde lang über den Knochenbau der Fliege, und danach kümmert er sich zehn Minuten um eine Zahnfüllung. Hochkonzentriert. Bis in die Tiefe analysiert. Nachhaltig schmerzfrei.
Neulich kam ich wegen meines Zahnhalses am linken unteren Eckzahn. Seit drei Jahren reagiert er extrem empfindlich auf Außenreize. MEIN ZAHNARZT riet jetzt zu einer Kunststofffüllung. Ich stimmte zu und erschien eine Woche später zum Termin.
Herr Dubinskij nahm sich Zeit für das persönliche Vorgespräch. Mehrmals kam die Schwester ins Behandlungszimmer und ging wieder hinaus. Berlin ist so durchdrungen von Kunst, Geschichte und Kreativität – man könnte sich monatelang, ach was: jahrelang darüber austauschen. Und wir redeten. Doch nach gefühlten zwei Stunden schon kam die Schwester erneut ins Zimmer, und jetzt – mit einem kurzen Kopfnicken seitens Dubinskij hin zu ihr war es beschlossen –, jetzt war mein Zahnhals dran. MEIN ZAHNARZT bereitete die Behandlung vor, betäubte die Fläche ringsum und tat mit ruhiger Hand und bewussten Bewegungen, was man als studierter Zahnarzt bei einer Kunststofffüllung wohl im besten Falle tut.
Mein Kopf war nach hinten gelegt, meine Fingernägel gruben sich vorsichtshalber in meine Fingerkuppen, um den möglichen Zahnschmerz abzuleiten. Vier Hände in meinem weit geöffneten Mund, ein Schlauch zum Absaugen und eine Spritze. Und los ging es. Doch welch Silberstreif am Horizont – nach etwa drei Minuten war das Drama schon fast vorbei. Bald dürfte ich also wieder schlucken ohne Schlauch, tief durchatmen und meine Schultern entspannen können. Sagt plötzlich die Schwester über meinen Mund gebeugt und den Arzt ein bisschen aufziehend: „Na, das hätte ich auch alleine machen können.“ Schaut er langsam von meinem Zahn hoch und hinüber zu ihr mit einem ruhigen Lächeln: „Ich hätte es auch alleine geschafft.“ Sicher, mit vollem Mund spricht man nicht, aber als Angstpatientin wollte ich ihre Aufmerksamkeit sofort wieder auf die Heilung meines Zahnhalses lenken. Achtung! Zahnhals! Jetzt! Also taxierte ich einen nach dem anderen mit den Augen und räusperte mich so gut es ging in meiner Lage. Dann gurgelte ich die Worte mit ganzer Kraft hinaus: „Ech häddä es auch ajeinge gäschafft.“